Innendämmung gilt unter Bauphysikern als heikelste Form der Dämmung und ist gleichzeitig oft die einzig mögliche, etwa bei denkmalgeschützten Sichtfassaden. Wer sie ohne fachliche Berechnung einbaut, riskiert Tauwasserschäden, Schimmel und konstruktive Schwächung. Wer sie richtig plant, bekommt eine wirksame Verbesserung des Wärmeschutzes ohne sichtbaren Eingriff an der Aussenfassade.
Warum Innendämmung bauphysikalisch heikel ist
Eine Aussendämmung legt sich vor das Mauerwerk und hält die Wand warm, das ist physikalisch ideal. Eine Innendämmung dagegen schaltet das Mauerwerk vom warmen Innenraum ab. Die Wand kühlt aus, der Tauwasser-Punkt (der Punkt, an dem warme Innenluft kondensiert) verschiebt sich vom Innenputz nach hinten in die Konstruktion.
Genau dort entsteht das Risiko: Trifft die warme, feuchte Raumluft auf die kalte Aussenwand hinter der Dämmung, kann sich Tauwasser bilden. Wird die Konstruktion nicht entsprechend gedämmt, sammelt sich Feuchtigkeit, durchfeuchtet die Dämmung und das Mauerwerk, fördert Schimmel und kann langfristig die Tragfähigkeit beeinträchtigen.
Aussendämmung verschiebt den Tauwasserpunkt in die Dämmung selbst, wo gut belüftete Materialien das harmlos abführen. Innendämmung verschiebt den Punkt ins Mauerwerk. Daher die alte Bauphysiker-Regel: Aussendämmung ist immer besser. Wenn es nicht anders geht, dann mit höchster Sorgfalt und passenden Materialien.
Wann Innendämmung sinnvoll oder zwingend ist
Es gibt klare Situationen, in denen Innendämmung die richtige oder einzige Wahl ist:
1. Denkmalpflegerischer Schutz der Fassade
Bei geschützten Sichtfassaden, etwa historischen Sichtmauerwerken, Naturstein oder kunstvollen Stuckaturen, ist Aussendämmung nicht zulässig. Innendämmung ist hier die einzige Option, energetische Verbesserungen umzusetzen.
2. Reiheneinfamilienhaus mit gemeinsamen Wänden
Bei einzelnen Häusern einer Reihe ist Aussendämmung über die gesamte Reihe nur möglich, wenn alle Eigentümer mitmachen. Innendämmung kann jeder selbst entscheiden.
3. Wohnungseigentum in Mehrfamilienhäusern
Wenn nur eine einzelne Wohnung energetisch saniert werden soll und die Gesamteigentümerschaft keine Fassadenarbeiten beschliesst, bleibt nur die Innendämmung.
4. Wärmebrücken-Sanierung
Punktuelle Wärmebrücken (Balkonplatte, Stützen, Brüstungsbereiche) lassen sich von innen lokal entschärfen, ohne die gesamte Fassade anzufassen.
5. Temporäre Nutzungen
Bei nur saisonal genutzten Räumen (Ferienwohnung, Atelier) ist Innendämmung pragmatisch, die Wand wird nur in der Nutzungszeit erwärmt und kann dazwischen ungestört austrocknen.
Wann Innendämmung vermieden werden sollte
Drei Konstellationen, in denen wir als Bautenschutz-Firma von Innendämmung dringend abraten:
Schlagregenbelastete Westfassaden
Wenn das Mauerwerk regelmässig durch Schlagregen durchfeuchtet wird, kann die kalte Wand hinter der Dämmung diese Feuchtigkeit nicht mehr austrocknen. Folge: massive Hinterfeuchtung, Schimmelbildung. Hier muss zuerst die Aussenfassade hydrophobiert oder mechanisch geschützt werden, bevor an Innendämmung überhaupt zu denken ist.
Mauerwerk mit aufsteigender Feuchte
Salzhaltige Feuchte wandert hinter der Dämmung weiter, kristallisiert an der Mauerwerksoberfläche, sprengt Putz und Bewehrung. Vor Innendämmung muss die aufsteigende Feuchte zwingend gestoppt werden, meist per Horizontalsperre.
Räume mit hoher Luftfeuchtigkeit
Bäder, Küchen, Wäscheräume und Schwimmbäder produzieren so viel Feuchtigkeit, dass die Innendämmung bauphysikalisch extrem anspruchsvoll wird. Ohne kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung ist hier die Schadenswahrscheinlichkeit hoch.
Die drei Systemarten und welches passt
Kapillaraktive Systeme (Calciumsilikat, Mineraldämmplatten)
Spezielle, hoch alkalische Platten, die Feuchtigkeit aufnehmen, speichern und wieder abgeben können. Funktionieren ohne Dampfsperre, weil sie selbst feuchtigkeitsregulierend wirken. Lambda 0,058 bis 0,065 W/mK, schlechter als EPS, aber bauphysikalisch verträglich.
Die in der Schweiz mit Abstand häufigste Lösung für Altbau-Innendämmung. Standard-Systemstärke 6 bis 10 cm, dadurch verbleibender Raum nicht zu stark verkleinert.
Mit Dampfsperre (EPS, Mineralwolle, PUR)
Klassische Aussendämm-Materialien, kombiniert mit raumseitiger Dampfsperre. Lambda 0,032 bis 0,040 W/mK, sehr gute Dämmwirkung. Aber: jede Verletzung der Dampfsperre (Steckdose, Bild aufhängen, Rohrdurchführung) wird zur Tauwasser-Schadenstelle. In der Praxis sehr schwer perfekt auszuführen. Daher heute weitgehend ersetzt durch kapillaraktive Systeme oder Vorsatzschalen mit Dampfbremse.
Vorsatzschale mit Dampfbremse
Holzständer oder Metallständer-Konstruktion mit Mineralwolle ausgedämmt, dazwischen eine intelligente Dampfbremse (z. B. Pro Clima Intello), Gipskartonbeplankung. Lambda effektiv ca. 0,040 W/mK. Vorteil: Installationsebene für Leitungen, gute Akustik. Nachteil: höherer Raumverlust (12 bis 15 cm Aufbau), aufwändigere Verarbeitung.
Die Planung: was vor dem Eingriff stehen muss
Anders als Aussendämmung darf Innendämmung nicht ohne bauphysikalische Berechnung ausgeführt werden. Pflichtschritte:
- Bestandsaufnahme: Wandaufbau dokumentieren, Mauerwerksart und -dicke, bestehende Innenputze, sichtbare Schäden.
- Feuchtemessung: Materialfeuchte des Mauerwerks vor Eingriff. Hohe Werte erfordern Vorbehandlung oder Verzicht auf Innendämmung.
- Hygrothermische Berechnung: Mit Software wie WUFI wird der Tauwasserausfall über das Jahr berechnet. Ergebnis muss zeigen: Tauwassermenge unterschreitet die Verdunstungsmenge im Sommer.
- Wärmebrücken-Analyse: Anschlüsse an Innenwände, Decken, Fenster werden mit Wärmebrückenberechnung dimensioniert. Wichtigster Punkt: Flankendämmung der einbindenden Wände 30 bis 50 cm tief.
- Lüftungskonzept: Innendämmung erhöht die Raumdichtheit und Luftfeuchte. Ohne Stosslüftung oder kontrollierte Wohnraumlüftung kommt es nach 6 bis 12 Monaten zu Schimmelproblemen.
Die Planung ist gut investiert: Eine Fehlplanung verursacht erfahrungsgemäss ein Vielfaches an späteren Sanierungskosten.
Die Ausführung: worauf es ankommt
Sechs Detailpunkte, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden:
- Wandfeuchte vor Beginn unter 4 % Masse, sonst trocknet das Mauerwerk nie aus
- Vollflächige Verklebung der Platten ohne Hohlräume, sonst sammelt sich Feuchte in den Lufträumen
- Flankendämmung an einbindenden Wänden mind. 30 cm tief gegen Wärmebrücken
- Fensteranschluss mit Dichtbändern und Anputzleisten, die häufigste Schadenstelle
- Sockelausbildung mit Spritzwasserschutz: wenn Innendämmung den Boden trifft, muss eine kapillarbrechende Schicht eingebaut sein
- Lüftungsverhalten beim Nutzer geschult: schriftliche Übergabe der Lüftungsempfehlung, jährliches Erinnerungssystem
Eine fachgerechte Innendämmung mit Calciumsilikat-System umfasst Planung, Material, Verarbeitung und Endbeschichtung. Die Energieeinsparung liegt bei 25 bis 40 % der über diese Wand gehenden Heizenergie, die Amortisationszeit bei 15 bis 22 Jahren. Der konkrete Aufwand hängt von der Wandfläche und dem Zustand des Mauerwerks ab und wird individuell ermittelt.



