Die Fassade sieht stumpf aus, Algen wachsen an der Wetterseite, einzelne Risse zeigen sich. Reicht ein neuer Anstrich, oder steht eine Sanierung an? Ein neuer Anstrich kostet einen Bruchteil einer Sanierung, deckt aber strukturelle Schäden nur zu. Wer falsch entscheidet, zahlt in fünf Jahren das Doppelte. Diese acht Indikatoren geben die Antwort.
Der Unterschied und warum er wichtig ist
"Fassade streichen" bedeutet: eine neue Beschichtung auf den bestehenden Putz aufbringen. Voraussetzung: der Putz ist intakt, trägt und ist mit der neuen Farbe kompatibel. Der Aufwand ist überschaubar, die Lebensdauer beträgt 8 bis 15 Jahre.
"Fassade sanieren" bedeutet: schadhafte Stellen werden entfernt, der Untergrund wird stabilisiert, ggf. eine Armierungsschicht oder Komplettputz aufgebracht, dann erst die Beschichtung. Der Aufwand ist deutlich höher, dafür hält das Ergebnis 20 bis 40 Jahre.
Der wirtschaftliche Unterschied wird auf 20 Jahre gerechnet sichtbar. Wer zweimal streicht statt einmal saniert, ist scheinbar günstiger. Aber: Der dritte Anstrich nach 25 bis 30 Jahren wird wegen vorgeschrittener Schäden teurer als die direkte Sanierung am Anfang, und zwischendurch hat das Mauerwerk Schäden erlitten, die später aufwändig zu beheben sind.
Die acht Indikatoren: Streichen oder Sanieren?
Gehen Sie um Ihr Haus und prüfen Sie systematisch. Je mehr "Ja" bei den folgenden Punkten, desto klarer wird die Antwort:
1. Risse über 0,3 mm Breite
Haarrisse unter 0,2 mm sind kosmetisch und können mit elastischer Farbe überstrichen werden. Risse über 0,3 mm sind strukturell und zeigen Bewegung im Untergrund. Ohne Armierungsschicht reissen sie nach einem Jahr wieder durch jede neue Beschichtung.
2. Hohle Stellen beim Klopfen
Klopfen Sie systematisch mit einem Hammergriff oder dem Knöchel die Fassade ab. Klingt es dumpf statt hell, hat sich der Putz vom Mauerwerk gelöst. Eine Beschichtung kann das nicht retten, der Putz fällt früher oder später ab.
3. Salzausblühungen am Sockel
Weisse Kristalle deuten auf Feuchteprobleme. Streicht man drüber, kommt das Problem in zwei Jahren wieder. Hier muss zuerst die Feuchteursache geklärt werden.
4. Aufgeblähter Putz an Mauerwerks-Kanten
Bläschen oder Aufwölbungen sind sicheres Zeichen für Untergrundschäden. Meist Frostschäden oder Salzkristallisation. Lokale Reparatur reicht oft nicht, die umgebende Fläche ist meist mitbetroffen.
5. Algenbewuchs auf grossen Flächen
Punktueller Algenbewuchs ist normal, grossflächiger Bewuchs deutet auf bauphysikalische Probleme. Wenn die Fassade nicht trocknet, bleibt sie feucht und Algen finden Nahrung. Hier hilft kein Algicid-Anstrich, sondern eine bauphysikalische Korrektur.
6. Bewuchs durch Risse
Wenn Sie Moos oder Pflanzen aus Rissen wachsen sehen, ist die Fassade bereits durchgreifend geschädigt. Wasser ist eingedrungen, Frost hat Schäden erweitert. Streichen ist hier sinnlos.
7. Sichtbare Bewehrung oder Putzbrocken auf dem Boden
Eindeutiger Sanierungsfall. Hier liegen meist Carbonatisierungsschäden zugrunde: die Bewehrung rostet und sprengt den Beton. Reine Beschichtung verschlimmert das Problem, weil sie das CO₂ einfängt.
8. Letzte Sanierung über 30 Jahre her
Selbst wenn die Fassade visuell ok aussieht: Nach 30 Jahren erreichen Carbonatisierungsfronten typischerweise die Bewehrung. Eine Untersuchung ist überfällig, und meist auch eine vorsorgliche Karbonatisierungsbremse.
Die Entscheidungstabelle
| Anzahl "Ja" bei Indikatoren | Empfehlung |
|---|---|
| 0 – 1 | Streichen reicht |
| 2 – 3 | Lokale Reparatur + Anstrich |
| 4 – 5 | Teilsanierung mit Armierungsschicht |
| 6 + | Vollsanierung mit Untergrundbehebung |
Wer in der Mitte landet, typisch 3 bis 4 "Ja", sollte vor jeder Entscheidung eine professionelle Fassadenbegutachtung mit Klopfprüfung und Feuchtemessung machen lassen. Sie ist überschaubar im Aufwand und spart oft ein Vielfaches an späteren Folgekosten.
Welche Farbe für welche Fassade?
Wenn die Entscheidung zugunsten Streichen fällt, ist die Farbsystemwahl entscheidend. Falsche Farbe auf richtigem Putz hält keine 5 Jahre.
Silikatfarbe (mineralisch)
Verkieselt mit dem mineralischen Untergrund, sehr lange haltbar (20 bis 30 Jahre), atmungsaktiv. Standard für Naturkalk- und Zementputze. Nicht geeignet auf Kunstharzgrund.
Silikonharzfarbe
Wasserabweisend und gleichzeitig dampfdurchlässig, der goldene Standard für Schweizer Fassaden. Lebensdauer 12 bis 20 Jahre. Auf den meisten Untergründen verwendbar.
Reine Acryl-Dispersion
Günstig, gut deckend, aber wenig diffusionsoffen. Auf WDVS und modernen Putzen ok, auf alten Kalkputzen schlecht. Lebensdauer 8 bis 12 Jahre.
Karbonatisierungsbremse (Spezialsystem)
Pflicht bei sichtbaren Carbonatisierungsschäden oder zur Vorbeugung an Sichtbeton. Wirkt als CO₂-Barriere bei gleichzeitiger Wasserdampfdurchlässigkeit.
Drei häufige Fehler und wie man sie vermeidet
Wenn wir zu Zweitbegutachtungen gerufen werden, sind es fast immer dieselben Fehler:
Fehler 1: Acryl auf alten Kalkputz
Acrylfarbe ist filmbildend und wenig diffusionsoffen. Auf alten Kalkputzen, die Feuchtigkeit über den Putz abgeben müssen, blockiert sie die Trocknung. Folge: Putz wird hinterfeuchtet, friert ab. Nach 3 bis 5 Jahren grossflächige Abplatzungen.
Fehler 2: Sanierungsfarbe ohne Saniergrund
Fassadenfarben für sanierte Untergründe benötigen oft eine spezifische Grundierung. Wer auf alten Anstrich direkt drüber arbeitet, bekommt Haftungsprobleme. Im Sommer 2025 hat sich das in mehreren Reklamationsfällen besonders deutlich gezeigt.
Fehler 3: Anstrich verschiebt Sanierungsentscheidung um 5 Jahre
Wer beim Anblick einer Fassade mit 5 Indikatoren trotzdem zum Anstrich greift, kauft sich 5 ruhige Jahre, aber die Sanierung wird in 5 Jahren spürbar teurer als heute, weil zusätzliche Frostschäden, weitere Carbonatisierung und mehr Feuchteeintrag stattgefunden haben.
Lebenszyklus-Betrachtung über 50 Jahre
Eine ehrliche wirtschaftliche Betrachtung muss den Lebenszyklus mitdenken, nicht nur den nächsten Anstrich. Für ein 180-m²-Einfamilienhaus über 50 Jahre:
| Strategie | Massnahmen über 50 Jahre |
|---|---|
| Reine Anstriche | 5 Anstriche à 10 Jahre + Nacharbeiten |
| Streichen + 1x Teilsanierung | 3 Anstriche + 1 Teilsanierung Jahr 25 |
| Vollsanierung Jahr 1, dann pflegen | 1 Vollsanierung + 2 Anstriche |
| WDVS Vollsanierung Jahr 1 | 1 WDVS + 2 Anstriche, dazu Heizenergie-Einsparung |
Auf 50 Jahre gerechnet ist die WDVS-Vollsanierung mit Abstand am wirtschaftlichsten, nicht trotz, sondern wegen der hohen Erstinvestition. Wer das Geld nicht hat und stückeln muss, fährt mit Vollsanierung-im-besten-Jahr besser als mit fünf Anstrichen. Die schlechteste Strategie ist die scheinbar günstige Renoviererei.



